Mitte Mai hat Papst Leo XIV. die Enzyklika ‚Magnifica humanitas‘ veröffentlicht. Der Titel bedeutet übersetzt ungefähr ‚großartige Menschheit‘. Der Untertitel lautet: Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Die Enzyklika findet sich hier online.
Vorangestellt drei Zitate daraus:
Wenn wir nicht aufpassen, kann ein Bildungssystem entstehen, dem die Liebe zur Wahrheit fehlt und in dem der unaufhörliche Informationsfluss Forschung, Reflexion und Unterscheidung ersetzt. Angesichts eines zunehmend fragmentierten Wissens wird es schwieriger, die Wirklichkeit als Ganzes zu erfassen, Fragen nach dem Sinn zu stellen und ein authentisches, kritisches und kreatives Denken zu entwickeln. Viele Lehrkräfte bemerken bereits Anzeichen einer Entmenschlichung, bei der junge Menschen „viel wissen“, aber Schwierigkeiten haben, ihrem Leben eine Ausrichtung zu geben, was zum Teil auf die Unfähigkeit zurückzuführen ist, Informationen und Wissen miteinander zu verknüpfen und nicht den Sinnhorizont zu verlieren. Es bedarf der Förderung einer echten Hygiene der Aufmerksamkeit: mit Rhythmen, die Stille, vertieftes Studium, Lesen und besonnene Kommunikation beinhalten. Ohne diese Elemente kann die innere Freiheit beeinträchtigt werden.
Einem Algorithmus konkret die Macht zu übertragen, zu bestimmen, wem etwas zusteht und wem nicht, ohne dass noch jemand die Last der Entscheidung trägt, bedeutet, ihm die Aufgabe zu übertragen, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten neu zu definieren. Was in diesem Prozess verloren geht, ist nicht nur das Mitgefühl für den Ausgeschlossenen, das künstlich nachgeahmt werden kann, sondern auch die politische Verantwortung, denn die Ausgrenzung der Schwachen wird mit Neutralität und Objektivität ummantelt, gegen die man nicht protestieren kann. So wird Ungerechtigkeit lautlos, und Mitgefühl, Barmherzigkeit und Vergebung – nicht als bloße Fassade, sondern als politische Gesten – verschwinden von der Bildfläche. Daraus ergibt sich eine einfache, aber zwingende Konsequenz: Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft. Wenn ein System so konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behandelt oder sie ohne Einspruchsmöglichkeit ausschließt, dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das „gut genutzt“ werden kann: Es führt bereits ein Kriterium ein, das der unveräußerlichen Würde des Menschen entgegensteht. Aus diesem Grund darf sich ethische Urteilskraft nicht darauf beschränken, zu fragen, ob wir ein bestimmtes System für einen guten oder schlechten Zweck nutzen., sondern muss sich auch fragen, wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist, die es leiten
Wir alle können unseren Beitrag leisten: Sicherlich haben nicht alle den gleichen Einfluss auf die Wirklichkeit: Es gibt jene, die regieren, die über Investitionen entscheiden, die Institutionen leiten, jene, die forschen, die erziehen, die informieren, die produzieren; und es gibt jene, die anscheinend bloß ihr tägliches Leben führen. Doch niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge). (…) Echter Realismus verzichtet nicht darauf, die Welt zu verändern: Er beginnt damit, Interessen, Ängste, Zwänge und Machtverhältnisse mit Klarheit zu betrachten, eben um zu berechnen, was erreicht werden kann und welche Schritte dazu erforderlich sind.
Wir haben dieses Rundschreiben aus dem Vatikan aus mehreren Gründen zur Lektüre ausgewählt:
- Es ist ein Text, der sich explizit mit den Herausforderungen und Möglichkeiten von Bildung und Schule beschäftigt – und somit für uns erst einmal ganz grundsätzlich zur Auseinandersetzung interessant sein kann. Ausgangspunkt ist dazu die technologische Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI).
- Grundlegend für den Text ist ein potentialorientierter Blick auf den Menschen, die Wertschätzung und Achtung der Würde des Lebendigen und eine Ermutigung und Aufforderung zur Gestaltung einer l(i)ebenswerten Zukunft..
- In Hinblick auf KI liest sich der Text kritisch, aber immer konstruktiv und nicht fatalistisch. Herausgearbeitet wird, was KI-Technologie ist, in welchen Strukturen, sie aktuell angeboten wird und wie sie auch anders gestaltet und genutzt sein könnte. Genau das wird als drängende soziale Frage unserer Zeit eingeordnet.
Bei den wirkSamen haben wir noch einige Zitate mehr kuratiert. Vielleicht mögt ihr diese zum Einstieg lesen – oder ihr startet direkt mit dem gesamten Text.
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